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Umfassende Bildung

Umfassende Bildung meint nicht nur den Erwerb von umfangreichem Wissen, sondern vielmehr einen Prozess, welcher zur grösstmöglichen Entfaltung des Persönlichkeitspotenzials des Individuums führt. Sie hat zum Ziel, Menschen zur selbstbestimmten Lebensführung und -gestaltung zu befähigen. Diesem Verständnis gemäss geschieht Bildung im Zusammenwirken formaler mit non-formalen und informellen Lernfeldern. Diese lassen sich folgendermassen beschreiben:


-    Die formale Bildung hat verpflichtenden Charakter (schulische Bildung).
-    Die non-formale Bildung ist zwar organisiert, aber freiwillig und hat Angebotscharakter (Bildung im Rahmen von Jugendorganisationen, Vereinen, Musikschulen usw.).
-    Die informelle Bildung vollzieht sich in ungeplanten Prozessen (im Alltag, in der Familie, in der Peer Gruppe).

 

Informelle, formale und non-formale Lernfelder

In einer neuen Studie des Deutschen Jugendinstituts zum Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement aus dem Jahr 2008 wird aufgezeigt, dass sich Kinder und Jugendliche in verschiedenen Lernfeldern aufhalten, die sich strukturell unterscheiden:


-    In der Familie werden Primärerfahrungen gemacht, welche für die weitere Entwicklung prägend sind. Im Familienverbund macht der Grossteil der Heranwachsenden erste Erfahrungen mit Aushandlungsprozessen, wobei es sich dabei in der Regel um Verhandlungen und Konflikte handelt, die den privaten Raum betreffen. Die Familie als Lernort bleibt also meist auf den privaten Raum bezogen.


-    Freundeskreise, Cliquen und Peer Gruppen spielen im Jugendalter eine wichtige Rolle im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Sie lassen hierarchiefreie Aushandlungsprozesse zu und dienen der sozialen, jugendkulturellen und personalen Orientierung. Diese meist interaktiven Prozesse bei der Aneignung von kulturellen Stilen, Lebensweisen und Räumen führen ebenfalls zu Kompetenzentwicklung. Auch Gleichaltrigengruppen orientieren sich aber am privaten Raum und sind nicht in grössere Kontexte oder Netzwerke eingebunden – es fehlt ihnen also an Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und Beteiligung im öffentlichen oder intermediären Raum.


-    Die Schule unterscheidet sich primär durch die rechtlich vorgeschrieben Pflicht zur Teilnahme von den anderen Lernfeldern. Da sie auf den Erwerb formaler Bildung ausgerichtet ist, ist es ihr nur bedingt möglich, Angebote der Selbstorganisation und des freiwilligen, selbst bestimmten Lernens zu machen. Ihre Lernziele sind vorgegeben und können – im Unterschied zu denjenigen der Verbandsjugendarbeit – nicht in einem diskursiven Prozess mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam bestimmt werden.


-    Die ausserschulische verbandliche Jugendarbeit (Jugendorganisationen) zeichnet sich durch drei besondere Strukturcharakteristika aus: Freiwilligkeit, Offenheit und Diskursivität. Mit „Freiwilligkeit“ ist dabei die individuelle Bereitschaft zur Teilnahme gemeint, mit „Offenheit“ das Wesen der Jugendorganisationen, welches die Verhandelbarkeit von Zielen, Inhalten und Arbeitsweisen zulässt, und mit „Diskursivität“ die Aushandlungsprozesse zwischen Individuum und Organisation. Diese drei Charakteristika, von denen angenommen wird, dass sie Grundvoraussetzungen bilden für nachhaltige Lernprozesse, finden sich in dieser speziellen Kombination einzig in Freiwilligenorganisationen –d.h. für den Jugendbereich in  Jugendorganisationen.

 


Diese verschiedenen Lernfelder, in denen sich Kinder und Jugendliche bewegen, sind für einander eine wichtige Ergänzung und sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden: Im Hinblick auf eine umfassende Bildung – insbesondere was formale und non-formale Bildungsorganisationen betrifft – gibt es keine wichtigeren und weniger wichtigen AkteurInnen. Sondern lediglich AkteurInnen mit unterschiedlichen Stärken, die es zu identifizieren gilt, damit auf dieser Basis eine Zusammenarbeit im Sinne der Pädagogik der Vielfalt definiert werden kann.

Die ausserschulische Jugendarbeit bildet eine wichtige Ergänzung zur schulischen Arbeit. Um die Kinder und Jugendlichen in der Schweiz auf ihrem (Bildungs)Weg in möglichst umfassender Weise zu fördern, muss es das Ziel sein, die Stärken der formalen und der non-formalen Bildung zu identifizieren und die beiden Bildungsformen optimal auf einander abzustimmen.

 

Umfassend bilden: gemeinsam geht's

Obige Ausführungen zu den verschiedenen Lernformen und –inhalten sowie der Stärken der beiden Lernfelder Schule und ausserschulische Jugendarbeit lassen sich folgendermassen zusammenfassen:

 

Grafik: Umfassende Bildung

Die (öffentliche) Schule hat dank ihres verpflichtenden Charakters die Möglichkeit, alle Kinder und Jugendlichen im Schulalter zu erreichen und auf diese Weise kulturelles Kapital wie Lesen und Schreiben, aber auch erfolgsversprechendes Verhalten und Auftreten in der Gesellschaft zu vermitteln. Zudem bietet diese Struktur die einmalige Chance, gesamtgesellschaftlich relevante Themen wie zum Beispiel Umweltschutz oder Ernährung und Bewegung aufzugreifen und in einer ganzen Generation zu verankern. Anderseits ist es genau dieser verpflichtende Charakter, welcher der Schule auch zu einem Stolperstein werden kann: Es sind gerade nicht Zwang, Wettbewerb und Leistungsdruck, welche Kinder und Jugendliche zum Lernen anspornen, sondern Freiwilligkeit und eigenes Interesse, emotionale Bindung an die Gruppe, Spass sowie Möglichkeiten und Freiräume zur Mitgestaltung und Mitbestimmung.

Genau in diesen Bereichen liegen die Stärken der ausserschulischen, insbesondere in der verbandlichen Jugendarbeit. Ihre Möglichkeiten, personale und soziale Kompetenzen sowie Selbstbestimmung zu fördern, sind vielfältiger als diejenigen der Schule, und von den drei Faktoren Freiwilligkeit, Offenheit und Diskursivität, welche das Lernfeld der Verbandsjugendarbeit charakterisieren, wird angenommen, dass sie Grundvoraussetzungen bilden für nachhaltige Lernprozesse. Die Anzahl Kinder und Jugendliche, welche in der ausserschulischen Jugendarbeit erreicht wird, ist hingegen ungleich kleiner als die Anzahl Kinder und Jugendlichen im obligatorischen Schulalter.